Webseite zum jüdischen Friedhof in Solingen

Jüdischer Friedhof Solingen
Vorne: Henriette Coppel, geb. Emden (1779-1862), hinten: Familiengräber der Coppel und Geisenheimer.

Der jüdische Friedhof in Solingen am Estherweg ist das einzige und letzte öffentlich sichtbare Zeugnis der hiesigen jüdischen Gemeinde. Erstmals um 1718 erwähnt fand die letzte Beerdigung 1941 statt. Die gut erhaltenen Grabsteine spiegeln die Geschichte von einfachen Händlern bis zu Fabrikanten-Dynastien wie der Familie Coppel beispielhaft wieder.

1987 hat die Städtische Gesamtschule Solingen die Patenschaft für den Friedhof übernommen. Im kommenden Schuljahr wird die Schule nach dem jüdischen Industriellen Alexander Coppel benannt werden, der sich als Kurator des Coppel-Stifts für das soziale Wohl seiner Stadt in besonderer Weise engagiert hat. Er kam 1942 in Theresienstadt ums Leben.

AG Jüdischer Friedhof im März 2015.
AG Jüdischer Friedhof im März 2015.

Über den jüdischen Friedhof und die Arbeitsgemeinschaft der Schule, die sich um die Pflege der Gräber und den Kontakt mit Nachfahren sowie um die Aufarbeitung der Geschichte unter Leitung von Michael Sandmöller und Simone Sassin kümmert, gibt es jetzt eine eigene Webseite, die auch über regelmäßige Führungen informiert:

juedischer-friedhof-solingen.de

Generationenwechsel der Zeitzeugen

Am 4. Februar 2015 waren am Humboldtgymnasium Solingen eine Überlebende des Holocaust und eine Zeitzeugin der zweiten Generation zu Gast, um den Schülern von ihren Erfahrungen zu berichten. Die Begegnung fand auf Vermittlung des Rutenberg-Instituts (Haifa) und der Initiative „NRW für Israel“, (Düsseldorf) statt.

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Shoshana Direnfeld und Silvi Behm.

In der Mediothek des Humboldtgymnasiums ist an diesem Morgen jeder Stuhl besetzt. Über 70 Schüler warten auf den angekündigten Besuch aus Israel. Die 15- bis 17-jährigen sind Teilnehmer des Austauschs mit einer Partnerschule in Tel Aviv, Schüler zweier Religionskurse und eines Geschichtskurses, der im Mai nach Auschwitz fahren wird. Für sie ist das Thema „Holocaust“ nicht neu. Die Begegnung mit Menschen, die die Verfolgung noch selbst erlebt haben, weckt jedoch angesichts des heute hohen Alters der Überlebenden besondere Erwartungen. „Wir sind das, womit wir uns beschäftigen, was wir an uns ranlassen,“ sagt Lehrer Rolf-Joachim Lagoda zur Begrüßung.

Vorne am Tisch nehmen drei Frauen Platz: Silvi Behm, Leiterin des Rutenberginstituts in Haifa, Shoshana Direnfeld, 1928 in Cluj/Klausenburg (Siebenbürgen) geboren, und Pnina Kaufmann, 1946 im polnischen Lodz geboren. Shoshana Direnfeld fängt an, mit leiser aber fester Stimme von ihrer Kindheit in Klausenburg zu sprechen, dem schönen Haus, in dem die Familie lebte. Acht Geschwister waren sie. 1940 kamen die Deutschen und nahmen den Juden alles weg. „Wir hatten kein Radio mehr, Zeitungen gab es für uns auch nicht. Wir wussten nichts von dem, was Hitler in den anderen Ländern mit den Juden machte.“ Generationenwechsel der Zeitzeugen weiterlesen

70 Jahre nach dem Ende von Auschwitz

Solange ich lebe, werde ich darunter leiden, dass die deutsche Nation mit ihrer so achtenswerten Kultur zu den ungeheuerlichsten Menschheitsverbrechen fähig war. Selbst eine überzeugende Deutung des schrecklichen Kulturbruchs wäre nicht imstande, mein Herz und meinen Verstand zur Ruhe zu bringen. Da ist ein Bruch eingewebt in die Textur unserer nationalen Identität, der im Bewusstsein quälend lebendig bleibt.

So bekannte Bundespräsident Joachim Gauck am 27. Januar anläßlich des 70. Jahrestags der Befreiung des KZ Auschwitz.

KZ Auschwitz, Einfahrt
Auschwitz am 27. Januar 1945 nach der Befreiung. Im Vordergrund von den Wachmannschaften zurückgelassene Ausrüstungsgegenstände. Quelle: Bundesarchiv, B 285 Bild-04413 / Stanislaw Mucha / CC-BY-SA

Auschwitz war nur eines von vielen Arbeits- und Vernichtungslagern, die es durchaus nicht nur weit weg im Osten gab. Es fällt schwer, in Grausamkeitskategorien zu denken, aber das Schicksal von Walter Tobias und seiner Familie gehört für mich zu den unerträglichsten. Seine schwangere Frau Selma und die fünf Kinder wurden sogleich bei der Ankunft in Auschwitz ermordet, er selber für die Arbeit in den Buna-Werken selektiert. Fast zwei Jahre überlebte er im Arbeitslager Auschwitz-Monowitz – wahrscheinlich nur weil er als Handwerker für die Deutschen so nützlich war.

Wenige Tage, bevor die Russen Auschwitz befreiten, wurde Walter zurück nach Buchenwald verlegt. Auch hier selektierte man ihn für einen Arbeitseinsatz.

Aber auch die Befreiung Buchenwalds durch die Amerikaner sollte Walter nicht erleben, sondern wurde am Vortag auf einen weiteren Marsch gesetzt, diesmal Richtung Theresienstadt. Handwerkliche Fähigkeiten spielten auf diesem Todesmarsch keine Rolle mehr. Zehn Tage nach Kriegsende starb Walter in Theresienstadt an den Folgen sinnloser Gewalt, willkürlicher Ausbeutung und der totalen Negierung seiner Menschenwürde.

Und doch muss uns bewusst sein, dass das „nie wieder!” angesichts solcher Schicksale einfacher gesagt als getan ist, denn es gibt auch heute grausame, systematische Menschenrechtsverletzungen. Das mindeste, was wir tun können, ist Flüchtlingen Schutz zu bieten und das Recht auf Asyl wieder ernst zu nehmen, das ja nicht zuletzt aus den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs heraus entwickelt wurde. Für Walter und seine Familie war ab einem bestimmten Zeitpunkt keine Flucht mehr möglich.

„Schützt und bewahrt die Mitmenschlichkeit. Schützt und bewahrt die Rechte eines jeden Menschen. Das sagen wir gerade in Zeiten, in denen wir uns in Deutschland erneut auf das Miteinander unterschiedlicher Kulturen und Religionen zu verständigen haben. Die Gemeinschaft, in der wir alle leben wollen, wird nur dort gedeihen, wo die Würde des Einzelnen geachtet wird und wo Solidarität gelebt wird,” schloß Joachim Gauck seine Rede vor dem Bundestag.

Reichswerke Göring

Reichsgrenze 1938
Reichsgrenze am Westwall, Eifel 1938

Die andere Seite der Geschichte: was war eigentlich mit meinen Großeltern? Die Geschichten von den vielen Kindern aus der Verwandschaft, die damals vorübergehend im Haus meiner Oma unterkamen, die Berichte von den Hamstertouren aus der Nachkriegszeit, die kannte ich. Mein Opa, Ernst Kraft aus Wissen an der Sieg, war während des Krieges als Arbeiter in einem kriegswichtigen Unternehmen und deswegen nicht an der Front gewesen. Gut. Aber er war nicht in seinem Heimatort beschäftigt gewesen, sondern in Braunschweig, genauer gesagt in Watenstedt.

Es gibt kein Hochzeitsfoto meiner Großeltern, denn sie hatten im März 1943 eine Ferntrauung. Mein Onkel kam im September 1943 zur Welt und war angeblich ein ziemlich propperes Kerlchen bei der Geburt. Meine Oma, Hilde, war damals 22 Jahre alt und arbeitete in der Pulverfabrik im Nachbarort, wie viele junge Frauen aus der Umgebung. Die Männer waren ja beim Militär.

Aber wo genau mein Opa eigentlich gearbeitet hatte, danach hatte ich nie so genau gefragt. Umso erstaunter war ich, als ich vor 3 Jahren von den „Reichswerken Hermann Göring” las. Das 1937 gegründete Staatsunternehmen sollte zu einem nationalsozialistischen Musterkonzern entwickelt werden. In Salzgitter entstand ein riesiges Eisenhüttenwerk, das schnell expandierte, Tochterunternehmen gründete und vor allem auf Rüstungsproduktion ausgelegt war, darunter die Stahlwerke Braunschweig GmbH mit ihrem Werk in Watenstedt. Die Herstellung großer Mengen an Waffen und Munition, die die Deutsche Wehrmacht seit Kriegseintritt brauchte, war mit volkseigenen Arbeitskräften jedoch in keiner Weise zu bewerkstelligen.

Kriegsgefangene, Häftlinge, Sinti, Roma und Juden wurden daher in großem Stil zur Zwangsarbeit eingesetzt. Auch Männer und Frauen, die nach wie vor gegen den Nationalsozialismus oponierten, wurden zur Arbeitserziehung im Lager Watenstedt interniert. Sie mussten unter unmenschlichen Umständen schwerste körperliche Arbeit verrichten und wurden oft zusätzlich mishandelt, die Unterbringung und Verpflegung waren katastrophal, Todesfälle keine Seltenheit.

Mein Opa war vor dem Krieg Dreher im Walzwerk gewesen. 1938 musste er zum Arbeitsdienst an den Westwall in der Eifel. Soweit ich das verstanden habe, hat er diese Zeit stumpfsinniger Arbeit gehasst. Die Eifel zählte später deswegen explizit nie zu seinen Urlaubszielen.

Heimaturlaub
Mein Opa auf Heimaturlaub bei meiner Oma

Wann genau er dann zur Wehrmacht eingezogen wurde weiß ich nicht. Alle Unterlagen aus der Zeit haben meine Großeltern „entsorgt”. Von der Wehrmachts-Auskunftstelle Berlin bekam ich die Information, dass er am 29. Juni 1940 als Schütze beim Infanterie Ersatz-Bataillon 485 in Sieradz stationiert war, vermutlich zur Ausbildung. Direkt nach dem Überfall auf Polen hatten die Deutschen hier unter Vertreibung der Einwohner ein Truppenübungsgelände angelegt. Das Frühjahr 1940 war die Zeit, als die Deutschen Besatzer die polnischen Juden in Ghettos zusammentrieben. In Sieradz gelang es zunächst nicht, den Ghettobezirk komplett abzuriegeln, es gab lediglich Posten an den Straßenausgängen, die mit Schutzpolizisten besetzt waren. Ob die jungen Rekruten davon außerhalb ihres Truppenübungsgeländes etwas mitbekommen haben?

Zwischen dem 20. und 30. August 1940 lag mein Opa wegen einer Darmerkrankung im Reservelazarett II in Litzmannstadt/Lodz und wurde von dort zurück nach Wittlich gebracht. Am 19. Oktober 1940 zog er mit dem Infanterie-Regiment 485 zum Küstenschutz nach Bordeaux, und vom 10. November 1941 bis Februar 1942 war er in Commercy, Lothringen stationiert.

Am 18. Februar 1942 wechselte er schließlich zurück an die „Heimatfront” und begann seine Tätigkeit in der Munitionsfabrik Watenstedt. Vielleicht hatte sich sein älterer Bruder Walter dafür eingesetzt. Er war zu der Zeit bei der SS in Braunschweig, wahrscheinlich in der dortigen Junkerschule, und wusste sicherlich, dass die Reichswerke händeringend nach qualifizierten Facharbeitern suchten.

Die deutschen Arbeiter wurden zwar mit überdurchschnittlich gutem Lohn und Vergünstigungen gelockt, aber es wurde von ihnen auch überdurchschnittlicher Einsatz erwartet. Der nationalsozialistische Musterbetrieb forcierte ein neues Arbeitsethos: „Bummelanten” wurden zu wertlosen Un-Menschen erklärt. Arbeit war alles, worüber sich der Wert des Volksgenossen hier definierte. Kontrolle war allgegenwärtiges Prinzip, gegenseitig ebenso wie durch die Hierarchien hindurch. Gleichzeitig gab es in Bezug auf die Zwangsarbeiter das Prinzip der „Vernichtung durch Arbeit”. Die Ausprägung der Gewalt variierte. Juden standen auf der untersten Stufe.

Mein Opa war Vorarbeiter bei der Bombenfertigung in Halle 16, er hatte Franzosen unter sich. Es waren wohl keine Kriegsgefangenen, sondern angeworbene Arbeiter, die aber keineswegs immer ganz freiwillig nach Deutschland gekommen waren. Mein Opa nannte sie „dienstverpflichtet”, ebenso wie er selber es gewesen sei. Dass dieses Bild gewaltig Schlagseite hatte, ist offensichtlich. An weitere Einzelheiten konnte oder wollte er sich mit 91 Jahren nicht erinnern. Nur so viel: „Es war nicht leicht für die Franzosen, an Bomben zu arbeiten, die gegen die eigenen Leute eingesetzt wurden.”

Ich möchte gerne annehmen, dass er „seine” Arbeiter anständig behandelt hat. Ob er jedoch immer den nötigen Spielraum dazu hatte, weiß ich nicht. Es gab Quoten, die schwer zu erfüllen waren, vor allem, wenn die Maschinen und Werkzeuge nicht mehr im besten Zustand waren. Kam es zu Ausfällen, mussten die Schwächsten in der Kette dafür büßen.

Ich gehe davon aus, dass mein Opa gesehen hat, was mit den anderen Zwangsarbeitern in Watenstedt passierte, denjenigen, die keine Fachkräfte waren, sondern „Untermenschen”, die einfach verbraucht wurden, deren billiger Tod mit einkalkuliert wurde. Was bleibt von solchen Bildern hängen? Wie kann man sich diesen Dingen entziehen? Es war mir nicht mehr möglich, am Ende seines Lebens solche expliziten Fragen zu stellen, die den ganzen Horror wieder an die Oberfläche geholt hätten. Es war offensichtlich, dass er Erinnerungen verdrängte und verdrehte, so wie man es den jungen Leuten damals beigebracht hatte. Sie wurden dazu erzogen, „Opfer zu bringen“ auf dem Weg in die vermeintlich strahlende Zukunft des deutschen Herrenvolks, und dazu zählte unter anderem das Überwinden von Empathie. Wer nicht daran glaubte, hielt auch lieber den Mund, vor allem, wenn er tagtäglich erleben konnte, wo oben und ganz unten in der Gesellschaft war.

Fraesbank
Mein Opa an der Fräsbank, wahrscheinlich bei der mobilen Werkstatt-Kompanie

Im August 1944 kam mein Opa zum Grenadier Ersatz-Bataillon 588 nach Hannover. Ab Dezember 1944 war er mit der schweren Werkstatt-Kompanie 2/19 in Radom, Schlesien und Mähren unterwegs. An der Grenze zwischen Bayern und Tschechien seien sie damals gegen Kriegsende nachts von Amerikanern unter Beschuss genommen worden. Es sei das einzige Mal gewesen, dass er selber geschossen hätte. Aber es war stockfinster, er schoss blind in die Luft, ihr Fahrer gab Gas und sie kamen irgendwie durch. Am Geburtstag meiner Oma, Ende März 1945, war er wieder zu Hause.

Zu Hause – das war ganz in der Nähe von Hamm an der Sieg, wo die Kinder von Hermann Tobias nun kein zu Hause mehr hatten.

Links:

Literatur:

Jüdische Soldaten im Ersten Weltkrieg

Gaertner ST 2014/06/12english translation below

Die Familiengeschichte des Kaufmanns Simon Gaertner, der zwischen 1891 und 1915 in Solingen lebte, kam jetzt im Rahmen der Recherchen des Solinger Tageblatts zum 1. Weltkrieg wieder ans Tageslicht. Die beiden Söhne Curt und Fritz verloren 1915 und 1917 in Frankreich ihr Leben. Dem dritten Sohn Willi retteten sie damit in der Zeit des Nationalsozialismus wahrscheinlich das Leben.

Am 12. Juni 2014 erschien im Solinger Tageblatt mein Artikel über die Familie Gaertner. Am 13. Juni besuchte Naomi Lewin, die Enkelin von Willi Gaertner, das erste Mal die Klingenstadt. Besonders gefreut haben wir uns über die angeregte Diskussion mit 6 Schülern des Gymnasiums Schwertstraße, die dort im Rahmen des Geschichtsunterrichts den 1. Weltkrieg besprechen und jetzt genau in dem Alter sind, in dem der ehemalige Schüler Fritz Gaertner ins Feld zog.

Söhne fürs Vaterland geopfert


Auf dem Gedenkstein der jüdischen Gemeinde Solingen für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs findet sich zweimal der Name Gaertner.

„Grösstes und ältestes Spezialhaus für Herren- und Knabenbekleidung“ inserierte Simon Gaertner stolz im Juli 1907 zur Eröffnung seines neuen Geschäftshauses im Solinger Kreis-Intelligenzblatt. An der Stelle wo heute das Bachtorzentrum steht hatte der jüdische Kaufmann aus Jülich ein prächtiges Eckhaus mit großen Schaufensterfassaden gebaut. Ein Schuhgeschäft, ein Zigarrenladen und ein Photo-Atelier mieteten sich bei ihm ein. Familie Gaertner bewohnte eine der großzügigen Wohnungen über dem Geschäft. 1891 war Simon Gaertner mit seiner Frau Juliane und den beiden Söhnen Curt und Willi nach Solingen gezogen. Der dritte Sohn Fritz kam 1896 hier zur Welt. Die drei Jungen besuchten das Gymnasium Schwertstraße. Curt, der Älteste, hatte Ostern 1906 mit einem hervorragenden Abitur abgeschlossen und studierte Jura. Willi begann im selben Jahr eine kaufmännische Ausbildung in Mülheim.

Dr. Curt Gaertner
Dr. Curt Gaertner, Quelle: Naomi Lewin

Simon Gaertner musste zwar für den repräsentativen Neubau inmitten der kleinen Fachwerkhäuschen der Solinger Altstadt eine Hypothek bei der Stadtsparkasse aufnehmen, aber die Geschäftsaussichten waren gut, das Wagnis schien kalkulierbar. Das änderte sich mit Kriegsbeginn. Anfang 1915 wurde klar, dass er die fälligen Zinsen nicht mehr erwirtschaften konnte. Da ereilte die Familie die schreckliche Nachricht, dass ihr Sohn Curt, inzwischen promovierter Jurist, im Alter von 26 Jahren in Frankreich gefallen war. Der Schock saß tief, auch bei der jüdischen Gemeinde. Der Jüdische Jugend-Verein, den Curt mit begründet hatte, schrieb betroffen in einer Anzeige: „Nun, da er nicht mehr unter uns ist, wissen wir, dass er einer unserer Besten war.“ Dennoch blieben die jungen Männer davon überzeugt, dass es richtig war für das deutsche Vaterland in den Krieg zu ziehen. Willi, der bis dahin im Geschäft des Vaters gearbeitet hatte, ging im August 1915 als Kraftfahrer zum Militär. Die Eltern verließen Solingen und zogen nach Mainz. Um die Abwicklung des Geschäfts begann ein monatelanges Gezerre. Rechtsanwalt Dr. Haas versuchte gütliche Einigungen mit den Gläubigern zu erzielen, um einen Konkurs zu vermeiden, aber die Stadt Solingen als Träger der Sparkasse sah wenig Spielraum für ein Entgegenkommen. Die Sparkasse ersteigerte schließlich selbst das Geschäftshaus. Erst im Sommer 1916 wurde ein abschließender Vergleich geschlossen.

Simon Gaertner baute sich in Mainz eine neue Existenz im Weinhandel auf. Als er sich im Juni 1917 einer schweren Operation unterziehen musste, traf die Familie die nächste Hiobsbotschaft: Sohn Fritz galt in Frankreich als vermisst. Willi traute sich nicht dem Vater davon zu berichten und schrieb ihm einen Brief, bevor er zu seiner Kompanie zurückkehrt: „Meine Kraft, das Schicksal hinzunehmen, soll auf Dich übergehen, das Bewußtsein Dich gesund machen zu müßen u. Dich in Ruhe aufrecht zu erhalten für Dich u. die Deinen soll in Dir Wurzel fassen u. stärker sein als aller Schmerz.“ Nachdem klar wurde, dass Fritz gefallen war, quittierte Willi den Kriegsdienst. Er sei danach nie wieder Auto gefahren, berichtete seine Tochter Elsbeth später.

Naomi Lewin an der Gedenktafel der jüdischen Gemeinde für die Gefallenen des 1. Weltkriegs
Naomi Lewin an der Gedenktafel der jüdischen Gemeinde Solingen für die Gefallenen des 1. Weltkriegs

Juliane Gaertner trug seit dem Verlust ihres ersten Sohnes nur noch schwarz. Als Willi im Zuge der Reichspogromnacht 1938 verhaftet wurde, marschierte sie ohne zu Zögern ins Hauptquartier der Mainzer Gestapo und verlangte seine sofortige Freilassung: „Ich habe zwei Söhne für das deutsche Vaterland geopfert und den dritten bekomme ich jetzt wieder!“ Ihr couragierter Auftritt zeigte tatsächlich Wirkung. Willi emigrierte mit Frau und Tochter in die USA. Es gelang dem Sohn nicht mehr, seine Mutter aus Deutschland herauszuholen. Juliane Gaertner starb im Dezember 1942 im Ghetto Theresienstadt. Simon Gaertner starb 1940 in Mainz.

Naomi Lewin, eine Enkelin von Willi Gaertner, besucht am 13. Juni die Stadt, in der ihr Großvater aufwuchs, und trifft sich mit einem Geschichtskurs des Gymnasiums Schwertstraße.

Elsbeth Lewin, Tochter von Willi Gaertner, nahm 1996 ein 3-stündiges Interview mit der Shoa Foundation von Steven Spielberg auf:



Sons sacrificed for the fatherland

On the memorial plaque of the jewish congregation Solingen for the fallen soldiers of WWI the name Gaertner appears two times

Geschäftshaus Simon Gaertner
The shoe house Conrad Tack was one of the renters of Simon Gaertner. The entrance to his own store lies behind it. source: townarchive Solingen, PK 2744

„Biggest and eldest special house for men’s and boy’s wear“ Simon Gaertner proudly advertised in july 1907 in the Solinger Kreis-Intelligenzblatt when his new commercial house opened. At the place where today the Bachtorcenter stands the jewish merchant from Jülich had built a stately corner house with large shopwindows. A shoe store, a cigar store and a photographer’s studio took lodgings in the building. Family Gaertner lived in a spacious appartment above their shop. 1891 Simon Gaertner moved to Solingen with his wife Juliane and the two sons Curt and Willi. The third son Fritz was born here in 1896. The three boys attended the Gymnasium Schwertstraße. Curt, the eldest, finished school at easter 1906 with an outstanding exam and studied law. Willi started his merchant apprenticeship in Mülheim the same year.

Simon Gaertner in fact had to assume a mortgage from the municipal savings bank for the prestigious new building in the middle of the small half-timber houses of the oldtown, but the business prospects were good, the venture seemed to be calculable. That changed by the beginning of the war. Early 1915 it became clear that he couldn’t obtain the payables anymore. At this instant the terrible message came at the family, that their son Curt, meanwhile a graduated lawyer, fell at the age of 26 in France. The shock was profound, also for the jewish congregation. The jewish youth club, who’s co-founder Curt was, wrote sadly in an obituary: „Now, that he’s not amongst us anymore, we know he was one of our best.“ Nevertheless the young men remained confident that it was right to go to war for the German fatherland. Willi, who had been working at his father’s shop untill then, went to the military as a car driver in August 1915. The parents left Solingen and moved to Mainz. A months-long wrangling about the liquidation of the business started. Lawyer Dr. Haas tried to achieve an amicable settlement with the creditors to avoid a failure, but the city of Solingen as the provider of the savings bank only saw little room for concessions. In the end the savings bank itself purchased the business house by auction. Only in summer 1916 a final compromise was effected.

Golden wedding of Simon and Juliana Gaertner in Mainz in 1937, together with son Willi, his wife Johanna and granddaughter Elsbeth. Source: Elsbeth Lewin
Golden wedding of Simon and Juliana Gaertner in Mainz in 1937, together with son Willi, his wife Johanna and granddaughter Elsbeth. Source: Naomi Lewin

Simon Gaertner in Mainz established a new existence in winetrading. When in june 1917 he had to undergo a severe surgery the next Job’s message hit the family: son Fritz was reported missing in France. Willi didn’t dare to tell his father and wrote him a letter before he went back to his company: „My power to accept fate shall demise to you, the awareness for having to bring yourself back to health and to keep you up in serenity for you and yours shall take roots in you and be stronger than all anguish.“ After it became clear that Fritz had fallen Willi quitted military services. He never drove a car again his daughter Elsbeth reported later.

Juliane Gaertner always wore black since her first son died. When Willi got arrested during the Reichspogromnacht in 1938, she marched into the headquartes of the Mainz Gestapo without missing a beat and required his immediate release: „I sacrificed two sons for the German fatherland and I get back the third one right now!“ Her courageous performance made an impact indeed. Willi emigrated with his wife and daughter to the USA. Her son didn’t succeed in getting his mother out of Germany. Juliane Gaertner died in December 1942 in the getto of Theresienstadt. Simon Gaertner died in Mainz in 1940.

Naomi Lewin, a granddaughter of Willi Gaertner, visited the city where her grandfather grew up on June 13 and met with a history class of the Gymnasium Schwertstraße.

Elsbeth Lewin, daughter of Willi Gaertner, recorded a 3-hour-interview with the Shoa Foundation of Steven Spielberg in 1996: http://youtu.be/zIwyl_PUUxg

photos:

  • Dr. Curt Gaertner only started to launch his career as a lawyer when he went to war. source: Naomi Lewin
  • The shoe house Conrad Tack was one of the renters of Simon Gaertner. The entrance to his own store is behind it. source: townarchive Solingen
  • In 1964 Willi Gaertner had the cross for his brother Curt in the cemetery of Thiaucourt-Regnieville replaced by a stone with a Magen David. photo: Uli Preuss

Besuch in Neuwied und Dierdorf

Stolpersteine für Robert und Dorothea Kronenthal
Stolpersteine für Robert und Dorothea Kronenthal

Am 14. Juni haben wir uns auf den Weg nach Neuwied gemacht, um mit Rolf Wüst die neuen Stolpersteine für Robert Kronenthal und Dorothea Kronenthal, geb. Tobias zu besuchen und uns mit Michael Meyer auf dem jüdischen Friedhof Dierdorf zu treffen.

Es war unser erster Besuch im Zentrum von Neuwied, da wir bislang nur in Heimbach-Weis am Haus der Familie von Moses Tobias gewesen sind. Begleitet hat uns Rolf Wüst vom Deutsch-Israelischen Freundeskreis, der sich seit Jahren um die Verlegung der Stolpersteine in Neuwied kümmert. Lappen und Reinigungsmittel sind immer dabei, um die Messingsteine wieder zum Glänzen zu bringen.

Gedenktafel für die jüdische Gemeinde
Gedenktafel für die jüdische Gemeinde

Als erster Eindruck empfing uns gegenüber dem Schloss ein Wandfragment der ehemaligen jüdischen Schule mit dem Mahnmal für die ehemaligen jüdischen Mitbürger, versteckt hinter einem Bauzaun. Im Hintergrund wird derzeit mit dem Bau eines neuen Einkaufszentrums begonnen. Auf diesem Carré befanden sich früher die jüdische Schule, die Synagoge und zahlreiche Häuser jüdischer Händler, unter anderem das Wohn- und Geschäftshaus von Josef Kronenthal. Die damalige Adresse Schlossstraße 20 liegt gegenüber der heutigen Nummer 20.

Folgt man der Synagogengasse kommt man auf die Engerser Straße, wo sich ein Stolperstein an den anderen reiht. Auf diese quirlige Geschäftsstraße zog auch Josef Kronenthal nach dem ersten Weltkrieg mit seiner Ochsen- und Schweinemetzgerei.

Engerser Straße ca. 1929, Josef Kronenthal mit Enkel
Engerser Straße ca. 1929, Josef Kronenthal mit Enkel

Josef Kronenthal war ein Cousin von Moses Tobias. Moses Tochter Dorothea Tobias heiratete Josef Kronenthal 1931, ein Jahr nachdem dessen Frau Emilie gestorben war. Der einzige Sohn Robert Kronenthal lebte zu der Zeit schon in Dresden und war Mitinhaber der Schokoladenmaschinenfabrik Greco. Die Firma wurde nach der Pogromnacht 1938 enteignet. Robert war zwar eigentlich durch seine Ehe mit einer nichtjüdischen Frau geschützt, wurde aber dennoch im Oktober 1942 verhaftet und starb am 11. Januar 1943 in Auschwitz.

Josef Kronenthal war 1936 verstorben und seine Frau Dorothea lebte als Witwe in Neuwied. Über die Umstände ihrer Deportation ist nichts bekannt.

nw_DSF6543Anschließend trafen wir am jüdischen Friedhof in Giershofen bei Dierdorf Michael Meyer, der gerade eine Dokumentation über die noch vorhandenen Grabsteine veröffentlicht hat. Von der Familie Kronenthal, die ursprünglich aus Dierdorf stammt, sind hier keine Steine mehr erhalten, da der alte Friedhof 1846 aufgegeben wurde und viele Nachfahren Richtung Neuwied verzogen waren. Gefunden haben wir einen Stein von Therese Jakob, der Ehefrau von Tobias Jakob, einem Enkel von Tobias Herz. Anzunehmen ist, dass die sterblichen Überreste von Tobias Herz unter dem Parkplatz gegenüber dem heutigen Friedhof liegen, da hier das frühere Friedhofsgelände gelegen hat auf dem damals auch die Juden aus Puderbach und Umgebung bestattet wurden.

Jüdische Familiengeschichte aus dem Rheinland