Juden im Rheinland

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Construction site of the Jewish museum of Cologne, built upon the ancient Jewish quarter of Cologne, August 2016

Der früheste Nachweis einer jüdischen Gemein de scheint seinen Ursprung in Köln im Jahr 321 nach Christus zu haben. Köln war damals die Hauptstadt der nördlichsten römischen Provinz und einige Historiker sind der Meinung, dass die Juden bereits mit den Römern im ersten nachchristlichen Jahrhundert zugewandert sind. Bis ungefähr 321 waren die Juden von öffentlichen Ämtern ausgeschlossen, aber dann geriet die römische Administration in eine Krise. Der Zugang zu einem städtischen Amt war ein teures „Privileg“ der römischen Oberklasse, und immer mehr konnten es sich nicht mehr leisten. Um eine neue Klientel für den kaiserlich-konstantinischen Hof zu akquirieren, wurde es den städtischen Ratsversammlungen per Dekret erlaubt, auch jüdische Bürger zu ernennen. Um diese neue Last für die Juden zu begrenzen, wurde bestimmt, dass immer zwei oder drei Männer von allen Ämtern freigestellt bleiben mussten. Einige Wissenschaftler bezweifeln, dass das konstantinische Dekret speziell für die Stadt Köln bestimmt war. Da es der einzige Quellennachweis von Juden vor dem 11. Jh. ist, wird diese frühe jüdische Ansiedlung noch nicht als gesichert angesehen.

Gegen Ende des 5. Jh. wurde die Region unter den Frankenherrschern christlich. Der Rhein war eine wichtige Nord-Süd-Handelsroute. In Köln kreuzte diese Route der Handelsweg, der Ost- und West-Europa verband. Die Ansiedlung von jüdischen Kaufmannsfamilien aus Italien und Südfrankreich kann für die karolingische Ära nachvollzogen und belegt werden. Diese Juden hatten Kontakte in den Orient und wurden dadurch zu wichtigen Lieferanten exotischer Handelsgüter, wodurch einige von ihnen Geschäftsbeziehungen mit verschiedenen Potentaten knüpften. Erzbischöfe, Könige und Kaiser garantierten ihnen ihren Schutz und profitierten von ihren aufblühenden Geschäften. Das Kölner Judenviertel wuchs während des 11. Jh. auf mehr als 600 Einwohner an. Andere bedeutende Zentren jüdischer Kultur etablierten sich in Mainz, Speyer und Worms.

Die Zeit der Kreuzzüge markierte einen ernsten Wendepunkt in der prosperierenden Entwicklung jüdischen Lebens in Europa. Im Jahr 1096 fanden Pogrome in Mainz und Köln statt und breiteten sich über das gesamte Heilige Römische Reich aus. Während der folgenden Jahrhunderte versuchten Bischöfe und Kaiser „ihre“ Juden zu schützen, um eine wichtige Geldquelle nicht zu verlieren, aber der antijüdische Aufruhr und Neid unter den Bürgern wurde immer stärker. Als der „Schwarze Tod“ in ganz Europa wütete, wurden die Juden beschuldigt, die Brunnen vergiftet zu haben. Einige Autoritäten, die Kredite bei Juden aufgenommen hatten, sahen in den Unruhen die Chance, ihre Schulden loszuwerden. Die schlimmsten Pogrome in Köln wie auch in anderen europäischen Städten fanden in der Bartholomäus-Nacht 1349 statt. Das gesamte Judenviertel wurde angegriffen und verwüstet, und nur wenige Einwohner überlebten. Im Jahr 1424 beschloss der Rat der Stadt Köln, die Juden auf ewig aus der Stadt zu verbannen.

Aus mehreren größeren Städten waren die Juden nun ausgeschlossen. Einige siedelten sich in kleineren Orten der ländlichen Umgebung an, andere entschlossen sich, nach Osteuropa zu emigrieren. Nach dem Zusammenbruch der Gemeinden waren wahrscheinlich familiäre Bande die wichtigste Kraft, die kulturelle Identität zu bewahren. Das 16. Jahrhundert brachte den deutschen Juden den wirtschaftlichen Niedergang. Die meisten mussten nach jeweils einigen Jahren bei ihren Landesherren einen Schutzbrief beantragen und dafür bezahlen, obwohl ihr Hausierhandel nicht sehr profitabel war. Um eine Heiratserlaubnis zu erhalten, mussten sie nachweisen, dass sie eine Familie ernähren konnten. In den meisten Städten gab es zudem Quoten, auf deren Einhaltung die etablierten Juden nahezu ängstlich achteten, um unerwünschte Konkurrenz fernzuhalten. Einige junge Männer siedelten sich illegal an, ständig in der Angst, weggejagt zu werden. Nur in einigen wenigen freien Städten wie zum Beispiel Neuwied war es den Juden für eine bestimmte Epoche erlaubt, ihren Handel ohne besondere Genehmigung zu treiben. Der Graf zu Wied förderte die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt durch diese liberale Politik. Aber die meisten rheinischen Juden waren in kleinen Gemeinschaften über das Land verstreut und hatten meist nicht einmal genügend Mitglieder zum Betrieb einer Synagoge.

Juden waren außer zum Hausierhandel zu den meisten Berufen nicht zugelassen. Die rituellen Schlachter (Schochets) arbeiteten meist als Viehhändler und auch als Metzger für ihre christlichen Nachbarn. Die Zünfte nahmen keine nicht-christlichen Mitglieder auf, und Juden wurden nicht an Universitäten, beim Militär und im öffentlichen Dienst zugelassen. Ein handvoll Familien konnte sich als berühmte und einflussreiche Finanziers etablieren, aber nicht auf dem Land, wo die sogenannten „Landjuden“ ihr ärmliches Dasein fristeten.

Die Lage änderte sich, nachdem Napoleon weite Teile Deutschlands besetzt hatte. Er führte seine Vorstellungen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in einer Zivilgesellschaft ein. Allerdings dauerte es noch mehrere Jahrzehnte bis zur vollen rechtlichen Emanzipation der Juden. Diese nutzten jedoch sehr schnell die Gelegenheit, zu lernen, umzuziehen und teilzunehmen am Aufbau einer neuen deutschen Nation. Sie verließen ihre kleinen Dörfer und zogen in die aufstrebenden Städte oder verließen sogar – wie auch viele Christen aus ländlichen Bereichen – ihre Heimat, um im Ausland ein neues Leben anzufangen.

Die Stadt Köln öffnete sich dem Zuzug der Juden 1798 unter französischer Besatzung. Sehr schnell wuchs eine neue Gemeinschaft heran. Der erste Vorsitzende der Kölner Gemeinde war Salomon Oppenheimer, ein aus Bonn zugezogener Finanzexperte. Schon 1885 zählte Köln 5.300 jüdische Einwohner (3,5 % der Einwohnerschaft). Während zu Beginn des Jahrhunderts überwiegend arme Familien in die Stadt geströmt waren, verbesserte sich die Sozialstruktur, seit es Juden möglich geworden war, in die Bourgeoisie aufzusteigen. Gegen 1861 beschloss die neue Gemeinde, ihre erste Synagoge in der Glockengasse zu bauen. 1899 wurde von der liberalen (reformierten) Gemeinde eine zweite große Synagoge in der Roonstraße geweiht; die orthodoxe Gemeinde in der St. Apernstraße wurde vor allem von jüdischen Immigranten aus Osteuropa bevorzugt. Wie in Frankfurt hatten die Juden an der Wende zum 20. Jahrhundert auch hier einen wesentlichen Anteil am wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung, nicht nur als Banker und Unternehmer, sondern auch als Kaufleute, Ärzte, Rechtsanwälte, Wissenschaftler und Künstler.

Dieser Fortschritt wurde begleitet von innerjüdischen Kontroversen bezüglich der Entwicklung eines angepassten, modernen und emanzipierten Judentums. Zur selben Zeit entstanden in einigen Kreisen neue antisemitische Theorien. Diese wurden allerdings nicht ernst genommen, bis schließlich ein wirrer Agitator aus Österreich und seine größenwahnsinnige Partei sie zur Staatsraison im Deutschen Reich erklären konnte und eine Zukunft voller Erwartungen und fruchtbarer Gemeinsamkeiten, die gerade nach Jahrhunderten der Unsicherheit im Aufblühen begriffen war, zerstörte.

Die Landjuden aus Puderbach, Westerwald

The Jewish cemetery of Puderbach, July 2016
The Jewish cemetery of Puderbach, July 2016

Im Landeshauptarchiv Rheinland-Pfalz in Koblenz liegen einige Akten über die jüdische Bevölkerung von Dierdorf, Puderbach und Niederwambach, Heimat der Familie Tobias seit spätestens Ende des 18. Jahrhunderts. Neben einigen Steuer-, Geburts-, Sterbe- und Heiratsregistern gibt es noch Vermerke über die Selbstverwaltung der Gemeinden und mehrere Gerichtsakten. Dr. Albert Hardt analysierte diese Bestände für seinen Beitrag über die „Juden in der Gegend von Puderbach“, veröffentlicht im Jahr 1992.

Seit dem 14. Jh. haben Juden in der Grafschaft Wied gelebt, mehrheitlich in der Stadt Runkel an der Lahn. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts kam es unter den Puderbacher Juden immer wieder zu Streitigkeiten. Deshalb beschloss Graf Maximilian Heinrich zu Wied, einen jüdischen Schultheiß einzusetzen, um diese Streitigkeiten aus der Welt zu schaffen. Er setzte Mordechai von Runkel ein und stattete ihn mit dem Recht aus, in den innerjüdischen Streitfällen zu entscheiden, Geldstrafen zu verhängen und ein Drittel davon für sich selbst zu behalten. Den Rest musste er an die Staatskasse abliefern. Mordechai beschwerte sich darüber, dass seine Anordnungen nicht befolgt würden. Trotzdem blieb er bis zu seinem Tod im Jahr 1733 im Amt. Danach übernahm Moses von Schupbach diese Aufgabe. Er war verantwortlich für Gesetz und Ordnung unter den Juden und musste die Armenunterstützung der Gemeinden überwachen.

Im Jahr 1737 wurde ein zweiter Schultheiß eingesetzt, doch die Juden beschwerten sich über beide, das sie in religiösen Fragen nicht kompetent seien und baten um die Beauftragung eines Rabbis in diesbezüglichen Fällen. Der Graf zu Wied stimmte zu und ernannte Rabbi Lieffmann aus Koblenz. Die Runkeler Juden mussten ihm 25 Reichsthaler zahlen und die Dierdorfer Gemeinde 5 Reichsthaler. 1742 wurden zwei führende Mitglieder der Dierdorfer Gemeinde ernannt: Hirsch Loeb und Ruben. Wie die Schultheiße vor ihnen versuchten sie Gesetz und Ordnung zu überwachen, Streitigkeiten zu entscheiden und waren berechtigt, Geldstrafen zu verhängen. Ein Drittel der verhängten Strafen flossen dem Armenfonds zu. Nur Kriminal- und zivilrechtliche Fälle mussten sie der staatlichen Gerichtsbarkeit anzeigen.

Gegen 1764 gab es Ärger um einen neuen Rabbi für die Dierdorfer Gemeinde. Graf Christian Ludwig ernannte Süßkind Hirsch Gundersheim, doch die Gemeindemitglieder wollten Rabbi Israel Lazarus behalten, der schon seit 1750 in Runkel im Amt war. Hardt erwähnt nicht wie dieser Streifall ausging.

Im Jahr 1811 wurde in der Dierdorfer jüdischen Gemeinde eine Steuerschätzung durchgeführt, die offiziell zur Synagogengemeinde Heddesdorf, später Neuwied, gehörte. Es wurde festgestellt, dass die Familien von Puderbach, Niederwambach, Urbach und Oberdreis ihre Kinder in der Regel zu Schulmeister Elias Israel in Dierdorf schickten. Er war auch Vorbeter und berechtigt, Ehen zu schließen. Nach der Reorganisation der preußischen Zivilverwaltung im Jahr 1847 versuchte die Regierung neue Synagogengemeinden sinnvoller Größen zu etablieren, aber die Puderbacher Gemeinde wollte weder zu Dierdorf noch zu irgendeiner anderen Gemeinde gehören. Daher hatte die Gemeinde Puderbach inkl. der umliegenden Dörfer mehrere Jahre hindurch keinen Vorstand. Sie unterhielten zwei Gebetsräume in Privathäusern und schickten ihre Kinder weiterhin in die jüdische Schule in Dierdorf. Sie hatten allerdings immer wieder Schwierigkeiten, den Lehrer zu bezahlen.

Während des 19. Jh. wurden mehrere Fälle von Ausweisung auswärtiger jüdischer Bediensteter vor Gericht verhandelt. Zwischen 1847 und 1898 lag Puderbach im Streit mit Dierdorf wegen der Einrichtung eines eigenen Friedhofs und der Einstellung von Zahlungen an Dierdorf. 1908 brachten die Dierdorfer Juden ihre eigene Satzung zu einem erfolgreichen Abschluss, und drei Jahre später wurde eine kleine Synagoge feierlich eingeweiht. 1924 zählte die Gemeinde 45 Personen, was 4,5 % der Bevölkerung entsprach. Während des Pogroms im November 1938 wurde die Synagoge zerstört. Die Juden, die es nicht mehr schafften auszuwandern, wurden 1942 deportiert.