Familie SAMUEL TOBIAS, Ruhrgebiet

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1891 war Samuel Tobias im Adressbuch von Hattingen unter Steinhagen 134 gemeldet, heute Steinhagen 1.
1891 war Samuel Tobias im Adressbuch von Hattingen unter Steinhagen 134 gemeldet, heute Steinhagen 1.

Samuel Tobias kam am 6. Oktober 1847 in Oberdreis bei Puderbach als Sohn des Viehhändlers Jacob I. Tobias und seiner Frau Malchen Benjamin zur Welt. Er war das vierte Kind der Familie.

1872 heiratete er Elisabeth Bertha Eichberg aus Osterspai am Rhein. Die beiden zogen nach Hattingen, an den Rand des Ruhrgebiets. Samuel handelte hier mit Spielwaren, Lumpen und Altmetall. Außerdem war er Betreiber der „Westfälischen Pfandleih-Anstalt“. Mit Bertha bekam er neun Kinder, von denen vier im Kindesalter starben:

  • Amalie „Malli“ Tobias (1873–1942)
  • Johanna Tobias (1874–1880)
  • Henriette Tobias (1875–1875)
  • Elise „Elly“ Tobias (1878–1947)
  • Jacob Tobias (1880–1880)
  • Louis Tobias (1881–1939)
  • Adele Tobias (1883–1947)
  • Toni Tobias (1884–1980)
  • Theodor Tobias (1885–1885)

1892 verzog die Familie ins benachbarte Langenberg. Am 5. März 1893 verstarb Bertha in Langenberg, wurde allerdings nicht dort beerdigt. Samuel zog daraufhin mit seinen Kindern nach Gelsenkirchen und heiratete im November 1895 die Witwe Sophie Isaak aus Königssteele. Sophie hatte vier Kinder aus ihrer ersten Ehe mit Bernhard Joseph (Paulina, Hedwig, Antonie und Felix). Die Familie lebte zunächst in Königssteele, wo ihr erster gemeinsamer Sohn Erich (1898-1945) zur Welt kam. Der zweite Sohn Ernst (1901-1942) kam in Steele zur Welt, während die Töchter Rosa (1904-1942) und Irma (1908-1942) in Recklinghausen geboren wurden.

Samuel Tobias war zuletzt als Cigarrenhändler in Recklinghausen gemeldet. Er starb am 27. Februar 1927, allerdings wissen wir nicht wo. Sein Todesdatum wurde lediglich im Melderegister eingetragen, aber es gibt in Recklinghausen keine Sterbeurkunde und er wurde auch nicht dort beerdigt.

Die älteste Tochter Malli heiratete in erster Ehe Sally Bloch aus Lage, Lippe. Sie hatten einen Sohn Eugen, geboren am 3. Oktober 1900 in Mülheim/Ruhr. Sally fiel 1917 im Ersten Weltkrieg. Danach heiratete Malli David Dagobert Eichberg aus Osterspai. Er starb 1927 in Mülheim. Malli lebte zuletzt als Witwe in Oberhausen und wurde im Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert. Sie starb am 21. September 1942 in Treblinka. Eugen wanderte mit seiner Frau und zwei Kindern über Shanghai nach nach Buenos Aires, Argentinien aus. Er kam 1963 nach Deutschland zurück und starb 1978 in Bremen.

Elise "Elly" Levy, geb. Tobias (1878-1947), Friedhof La Tablada, Buenos Aires, Dezember 2014. Foto: Carina Kraft
Elise „Elly“ Levy, geb. Tobias (1878-1947), Friedhof La Tablada, Buenos Aires, Dezember 2014. Foto: Carina Kraft

Elly heiratete 1900 in Steele den aus Walbeck, Kreis Kleve stammenden Josef Levy. Sie lebten in Gladbeck und Recklinghausen bevor sie im November 1938 nach Argentinien auswanderten. Die Söhne Herbert Jakob (* 18. September 1902, Essen) und Hans (* 9. März 1904, Essen) wanderten ebenfalls nach Argentinien aus. Was aus Sohn Arthur (* 12. Dezember 1900, Köln) und Tochter Herta (* 27. August 1906, Mülheim/Ruhr) wurde, wissen wir derzeit nicht. Elly starb am 24. September 1947 in Buenos Aires.

Louis Tobias arbeitete als reisender Händler. 1913 wurde er steckbrieflich wegen Betrugs gesucht. Der Fahndungsaufruf lautete wie folgt: „1344 Tobias, Louis, geb. 14.9.1881 zu Hattingen, zuletzt wohnhaft Cöln, Größe 1,55 — 1,60m, Gestalt untersetzt, Haare und Schnurrbart schwarz, Gesicht gelblich, voll, Stirn geneigt, Augenbrauen schwarz, Nase groß, Zähne vollständig, Kinn spitz, Gang und Haltung gerade, trägt Augengläser, dunkelbrauner Anzug, schwarzer Paletot und grauer, weicher Filzhut, wegen Betrugs pp. 1 J 31/13. Cöln, 21.2.1913, Der Erste Staatsanwalt.“ Er war in den Niederlanden gemeldet, bevor er im Frühjahr 1935 nach Osnabrück zog. Hier wurde er im Februar 1938 wegen Heimtücke erhaftet. Über die genauen Anschuldigungen liegen keine Akten mehr vor. Er war ab März 1938 in Dachau interniert und wurde im September als Zwangsarbeiter nach Buchenwald verlegt. Hier starb er am 1. Juli 1939 an den Folgen der Strapazen.

Adele Levy, geb. Tobias

Adele heiratete 1914 den aus Bremen stammenden Wilhelm Levy. Während des ersten Weltkriegs lebte die Familie in Gladbeck. Sohn Heinz wurde hier im September 1917 geboren. Tochter Anneliese war im Oktober 1915 in Münster zur Welt gekommen, wo ihre Mutter sich für einige Monate aufhielt. Nach dem Krieg zog die Familie erst nach Oberhausen und dann nach Iserlohn, wo Wilhelm Levy das Schuhgeschäft Agrippina führte. 1934 emigrierte die Familie über Hamburg nach Palästina. Die Familie lebte dort in Tel Aviv und Heinz wurde Tischler. Er war der erste, dem im August 1937 die Ausreise in die USA gelang. Seine Eltern folgten ihm im April 1947 nach New York. Adele starb kurz darauf, am 22. August 1947, in New Jersey an einem Herzschlag. Tochter Anneliese hatte den griechischen Juden Emile Berachas geheiratet und gelangte 1952 zusammen mit ihm über ein DP Camp in Fürth nach Canada. Sie starb 1996 in Toronto. Heinz „Henry“ Levy starb 2009 in New York.

Toni Schanzer, geb. Tobias

Toni heiratete im Juli 1911 in Gladbeck den Kaufmann Aron „Arnold“ Schanzer aus Osiek, Schlesien. Toni war zu der Zeit als Geschäftsinhaberin gemeldet. Sie führten ab 1913 gemeinsam ein Kino, das Apollo-Theater in Oberhausen, mit 800 Plätzen. Arnold war außerdem im Filmvertrieb tätig. Sohn Kurt kam 1912 in Gladbeck zur Welt, Tochter Annie 1914 in Oberhausen. Arnold war im Vorstand des lokalen Fußballclubs aktiv und stiftete 1926 einen goldenen Pokal für ein überregionales Turnier, das die Mannschaft aus Oberhausen unerwartet gewann. Nach der Machtübernahme durch die Nazis wurde der Pokal jedoch eingeschmolzen und goldene Ehrennadeln für verdiente Mitglieder daraus gemacht, zu denen Arnold Schanzer nicht mehr gezählt wurde. Die Familie zog 1937 nach Duisburg und emigrierte schließlich nach Argentinien, zuerst die Kinder und im Januar 1940 auch die Eltern. Aron Schanzer starb angeblich im September 1948, wurde aber offenbar nicht in Buenos Aires beerdigt. Seine Tochter Annie kam 1951 bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Toni starb am 20. September 1980 in Buenos Aires.

Erich heiratete 1922 die evangelische Maria Johanna Langendonk aus Herne. Er war selbständiger Schneidermeister. Die beiden zogen 1927 von Recklinghausen nach Essen. 1936 kam es zu einer schweren Anschuldigung von Rassenschande und Kuppelei. Der Exmann von Marias Schwester behauptete, dass seine Exfrau ihm erzählt habe, dass ein jüdischer Kunde von Erich zusammen mit seiner arischen Freundin bei den beiden übernachtet habe und es dabei zu Geschlechtsverkehr mit Partnertausch gekommen sei. Sowohl Erich und seine Frau wie auch deren Schwester bestritten alle Anschuldigungen und der Exmann konnte keine Beweise vorlegen. Das besagte Pärchen war ohnehin schon in die Niederlande emigiert und das auch vermutlich schon vor Inkrafttreten des Rassenschande-Paragraphen. Maria hatte im Rahmen der Untersuchungen angegeben, dass sie zum jüdischen Glauben übergetreten sei. Das hieß, ihr drohten fortan dieselben Verfolgungsmaßnahmen wie ihrem Mann. Obwohl das Verfahren eingestellt wurde emigrierten auch Erich und Maria 1938 nach Den Haag. Sie wurden daraufhin ausgebürgert. Als sie 1940 versuchten Reisepässe zu beantragen wurde ihnen dies verweigert, da sie ja keine deutschen Staatsbürger mehr seien. Erich wurde 1942 von Maastricht nach Westerbork deportiert und gelangte von dort nach Auschwitz. Bei Kriegsende war er in einem Außenlager von Groß-Rosen. Er starb am 27. Mai 1945 in Wüstegiersdorf. Maria wurde im Mai 1953 in Elsloo, Limburg, beerdigt.

Ernst heiratete im Januar 1939 Käthe Rossbach aus Bochum. Sohn Denny Samuel kam im März 1939 in Bochum zur Welt, Tochter Mathel im Februar 1940 in Recklinghausen. Das dritte Kind Berl wurde im März 1941 geboren. Die ganze Familie wurde am 31. März 1942 nach Warschau deportiert und gilt als verschollen.

Rosa heiratete Karl Jacobs aus Haselünne, Emsland. Ihre Tochter Ingeborg kam im Juni 1926 in Recklinghausen zur Welt. Sohn Kurt Wolfgang wurde im September 1928 geboren. Im Oktober 1935 emigrierte die Familie in die Niederlande. Tochter Ursula kam im Januar 1938 in Heerlen zur Welt. Zuletzt lebte die Familie in Maastricht. Alle wurden am 31. August 1942 in Auschwitz ermordet.

Irma heiratete Louis Eckmann aus Schmalkalden. Er arbeitete als Verkäufer in Herford und emigrierte 1939 nach Groß-Britannien. Im Juli 1940 gelang ihm die Ausreise über Canada in die USA. Irma arbeitete als Zahnarbeiterin in Essen. Sie wurde am 22. April 1942 nach Izbica deportiert.

Friedhof La Tablada, Buenos Aires, Dezember 2014. Fotos: Carina Kraft


Stammbaum:

Generation 1

  • Samuel Tobias (1847-1927) ∞ Elisabeth Bertha Eichberg (1842-1893), ∞ Sophie Isaak (1863-?)

Generation 2

  • Jacob I. Tobias (1803-1864) ∞ Malchen Benjamin (1815-1861) Oberdreis/Puderbach
  • Josef Löb Eichberg ∞ Caroline Marx, Osterspai/Rhein
  • Markus Isaak ∞ Julie Falk, Steele/Essen

Generation 3

  • Tobias Herz (1758-1833) ∞ Täubchen Samuel (1774-1860) Oberdreis/Puderbach
  • Herz Benjamin (1795 – ?) ∞ Beile Aron (1795-1829) Raubach/Puderbach
  • Moses Eichberg ∞ Caroline ?, Osterspai/Rhein
  • unbekannt
  • unbekannt
  • unbekannt